Rezension „Das Leben ist nicht Extra Small – Birte Jensen“

rezension

Hallo ihr Lieben,

heute gibt es mal wieder eine Rezension von mir. Ich habe vom Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag das Buch „Das Leben ist nicht Extra Small“ von Birte Jensen zur Verfügung gestellt bekommen. Dieses Buch behandelt ein wirklich ernst zunehmendes Thema: Magersucht. Es handelt sich hier um ein autobiographisches Buch von Jensen selbst, die mittlerweile 20 Jahre alt ist und soziale Arbeit studiert.

20160717_190428.jpg

Klappentext:

Magersüchtig sein, so etwas könnte ihr nie passieren, denkt Birte. Bis nach einer Diät der Wunsch, „perfekt“ zu werden, immer größer und unkontrollierbarer wird. Ein berührender Erfahrungsbericht und ein Mut-Mach-Buch für Betroffene, in dem auch ihr direktes soziales Umfeld und ein erfahrener Therapeut zu Wort kommen.

Nach einer Diät bestimmt der Wunsch, „perfekt“ zu sein, ihr Leben: Die Magersucht nimmt Birte Jensen voll in Beschlag. Schon bald kreisen ihre Gedanken nur noch um Diäten, Kalorien, Sport und Gewicht, sie findet sich in einer Spirale wieder, aus der es kein Entkommen gibt. Nebenbei versucht Birte, ihr leben wie gewohnt weiterzuleben, sie will ihr Abitur machen, ihre Freunde treffen und das tun, was alle in ihrem Alter tun. Nur wie alle sein will sie nicht. Aus Scham über ihre Krankheit darf keiner erfahren, wie es ihr wirklich geht. Als ihr Körpergewicht fast lebensbedrohlich niedrig ist, entscheidet sie sich gezwungenermaßen für eine ambulante Therapie. Im Nachhinein die wohl beste Entscheidung, die Birte hätte treffen können. Dort lernt sie Schritt für Schritt neu, was es heißt, zu leben.

Meine Meinung:

Magersucht ist meiner Meinung nach noch immer ein Thema, über das nur sehr wenig gesprochen wird. Erst, wenn es nicht mehr zu übersehen ist, wird das Thema angesprochen oder in den Medien darüber gesprochen. Dass der Ursprung viel tiefer sitzt und früh angegangen werden sollte, steht erst im Nachhinein zur Debatte.

Ähnlich war es auch bei Birte. Angefangen mit einer „normalen“ Diät, hat sie sich immer weiter reinziehen lassen in den Strudel des Kalorienzählens. Ihre Tage hat sie nach ihrem Sportprogramm strukturiert. Wenn dadurch die ein oder andere Mahlzeit ausfällt – umso besser. Freunde und Familie haben sie lange Zeit beobachtet, haben versucht, früh zu appellieren, sie zum Essen zu bringen. Doch Birte hat immer wieder einen Weg gefunden, ums Essen herum zu kommen. Und so ihre Familie und auch sich indirekt belogen.

Während des Lesens wird vor allem ihr innerer Konflikt sehr gut deutlich. Sie spricht immer wieder von ihren zwei Stimmen: die „Magersucht“-Stimme und ihre eigene Stimme. Mit der Zeit übernimmt die erste Stimme die Regie: Sie entscheidet wie wenig Birte nur noch essen darf, wie viel und wie oft sie Sport machen soll etc. Ihre eigene innere Stimme, die mit der Zeit merkt, dass es langsam gefährlich wird, wird immer leiser und wird immer wieder von der ersten Stimme übertönt. Die Magersucht und der Wunsch, etwas Besonderes / Einzigartiges zu werden, haben die Oberhand und lassen keine andere Stimme mehr zu. Egal, wie sehr Birte mit der Zeit dagegen ankämpft. Sie kann sich nicht behaupten gegen die Magersucht-Stimme, die ihr immer wieder sagt, wie viele Kalorien sie noch essen darf und ihr sehr deutlich macht, was für ein trauriger Fall sie ist, wenn sie doch mal zu viel isst.

Für mich als Leser ist es sehr schwer und emotional, diesen Prozess zu beobachten. Man wünscht dieser jungen Erwachsenen nur das Beste und hofft, dass sie bald sieht, wie Besonders und Einzigartig sie schon ist. Auch ohne weiter abzunehmen. Doch sie sieht das nicht so. Zumindest noch nicht.

Der Leser konnte also nach und nach ihre Entwicklung miterleben. Zwischendurch gab es immer wieder Momente wo man angenommen hat, dass sie es jetzt schafft, dass sie ihre Magersucht-Stimme ausblenden kann. Die Hoffnung hatten auch ihre Familie und Freunde und haben sie tatkräftig unterstützt. Doch dann kommt doch wieder ein Rückfall. Und noch einer..

Das hier ist mein Untergang. Was soll ich machen? Ich bin langsam total verzweifelt, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Nicht einmal im Urlaub kann mich diese Stimme in Ruhe lassen. Ich weiß doch, dass es nun reicht. Aber sie lässt mich einfach nicht mit Abnehmen aufhören. […] Wenn ich an mir hinunterblicke, sehe ich einfach mal nichts als Fett! Fett, Fett, Fett. Ich bin fett und ich werde fetter, wenn sich hier nichts ändert. Es will mich aber auch niemand verstehen. Jeder zickt mich an, weil einfach keiner versteht, dass ich mich nicht anders verhalten kann. Jeder denkt, ich tue das alles freiwillig, ich habe Spaß daran zu hungern und könne es sofort abbrechen, wenn ich das wolle. Aber das stimmt nicht.

Ihren Tiefpunkte hatte sie, als sie nur noch 45,9 kg gewogen hat. 45 kg wird als Grenze zur Lebensgefahr gesehen und die Betroffenen müssen in eine Klinik eingewiesen werden. Diesen Schritt wollte Birte aber nie gehen. Trotzdem brauchte sie einige Anläufe, um letztlich zu realisieren, was sie sich und ihrem Körper mit diesem Nahrungsverzicht antut. Nicht zu vergessen, was sie auch ihrer Familie damit antut. Sie hört ihre Mutter weinen, merkt wie verzweifelt ihre Eltern sind. Doch der Schritt, der ihnen das Leid zumindest teilweise nehmen würde, kann sie nur sehr schwer gehen.

Erst mit Hilfe eines Therapeuten schafft sie es, mit ihrer Magersucht-Stimme umzugehen. Sie lernt, mit dieser Stimme zu leben. Denn die Illusion, dass diese Stimme ganz verschwindet, konnte ihre der Therapeut nicht nehmen. Ein erster Rückschlag für sie. Doch trotzdem hat sie es mit der Zeit geschafft, die Stimme größtenteils zu ignorieren. Und wieder auf ihre eigene innere Stimme zu hören.

Das Buch ist wie ein Tagebuch geschrieben. Jeder Abschnitt hat ein Datum als Überschrift und wir erfahren etwas zum „heutigen“ Thema, welches Birte beschäftigt. Am Ende kommen dann noch ihre Mutter, ihre Freunde, ihr Tutor und der Therapeut zur Sprache. Hier erfahren wir vor allem, welche Vorwürfe sich die Personen machen. Die Frage, ob man früher hätte eingreifen müssen, wird von einigen gestellt. Es wird aber auch deutlich gemacht, dass jede magersüchtige Person anders mit der Magersucht umgeht. Eine Konfrontation kann nicht immer gut ausgehen. Bei Birte war es z.B. so, dass sie ihrer Freundin Meike erst von ihrer Situation erzählt hat, als diese sie direkt gefragt hat. Vorher hat sie Andeutungen abgetan oder ist nicht drauf eingegangen.

Das Birte Anerkennung haben möchte, merkt man zwischendurch sehr deutlich.

Aber auch jetzt, wo ich endlich dünn bin, habe ich das Gefühl, dass mich keiner bemerkt. Ich möchte, dass sie sich alle Sorgen um mich machen und ein schlechtes Gewissen bekommen, dass sie sich so wenig um mich gekümmert haben. Sie sollen sich alle dafür verantwortlich fühlen und sehen, was sie angerichtet haben. Aber auf der anderen Seite habe ich große Angst davor, dass mich jemand auf das Thema anspricht, weil ich einfach nicht wüsste, was ich darauf sagen würde. Eine Seite in mir braucht diese Aufmerksamkeit der anderen, die andere dagegen schämt sich so sehr, würde sich am liebsten verkriechen. Aber es interessiert sich ja eh keiner dafür.Bin ich etwa noch nicht dünn genug?

Es gibt immer noch welche, von denen ich denke, sie haben dünnere Beine als ich, und das kann ich nicht ertragen. Ich will die Dünnste sein, und ich will auffallen. Endlich einmal außergewöhnlich sein, einfach mehr als „nur Durchschnitt“.

Es war ein sehr bewegendes und emotionales Lesen. Man versucht sich immer wieder, in Birte hineinzuversetzen. Versucht zu verstehen, wie es dazu gekommen ist und wie sie jetzt damit umgeht.

Für diese ehrliche Geschichte gibt es von mir 4-Sterne_4c

Eure Sandra ❤

Advertisements

2 Gedanken zu „Rezension „Das Leben ist nicht Extra Small – Birte Jensen“

  1. Pingback: [TAG] The Netflix Book Tag | Nana - Der Bücherblog

  2. Pingback: Mein SuB kommt zu Wort #3 – nana

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s